Zeitreise-Gedanken inspiriert von meinem Garten

Der Anblick meines seit Jahren vernachlässigten Obstgartens hat mir einmal wieder vor Augen geführt, dass das natürliche Ziel jeglicher Fläche hier in Mitteleuropa der Wald ist. Innerhalb von ein paar Jahren haben zuerst die Stauden (Rainfarn, Disteln, Nesseln, dann meine verhassten wilden Brombeeren - unzähmbar und so voller Dornen, dass sie nicht einmal für Tee taugen) und dann rasant schnell Büsche und Bäume jede freie Fläche erobert. Da wachsen wilde Nüsse (Freude), Weiden (Freude für die Bienen im Frühjahr), Wildrosen, Flieder ... und dieser Anblick lässt mich überlegen, wie wohl die heutige Steiermark vor etwa 2000 Jahren aussah.

Genauer gesagt, was sah die Hauptfigur meines neuen Romans vor 2060 Jahren, als er mit seiner Schwester vom heutigen Radkersburg nach dem heutigen Deutschlandsberg und dann gen Südern reiste? Ja, es gab Siedlungen, Städte, Straßen. Wiesen gibt es im Prinzip nur dort, wo große Herden an (großen) Pflanzenfressern ein Aufkommen der Schößlinge verhindern. Jede Steppe, jeder Prärie war jahrtausendelang bevölkert von Antilopen, Bisons, Rentieren etc. Ich sehe es auch im Obstgarten - zwei Rehe haben das zusammengebrochene Gartentor entdeckt, ich kann genau erkennen, wo sie schlafen, wo ihre "Hauptverkehrswege" verlaufen, wo sie bei dem kleinen Teich trinken. Nicht nur an ihren Spuren, auch weil dort überall der Pflanzenbewuchs niedrig ist.

Welche Tiere sah also meine Hauptfigur, wenn er durch Norikum ritt? Muss ich es mir wie in den WildWest Filmen vorstellen, der Blick von einem Hügel über weite Steppe, tausende Grasfresser, deren Fell in der Sonne flimmert?

Welche Grasfresser? Ich kenne die Berichte über die Haustiere der Kelten, aber welchen Tieren begegneten sie außerhalb des Dorfes? Wie sahen die Rinder/büffelartigen aus? Gab es Herden an Rehen? (heute gelten die 5 die über unser Grundstück ziehen schon als viel) Welche Raubtiere gab es außer Wolf und Bär - gab es schon Luchse (ich finde nichts darüber, seit wann es hier Luchse gab)?

Ich weiß (nein, ich habe es gelesen, wissen kann ich es nicht, da ich es nicht selbst erlebt habe), dass Hühner und Katzen erst im letzten Jahrhundert vor Chr mit den Römern in unsere Breiten kamen - die Eierspeis zum Frühstück war also zB zur Hallstadtzeit ein Frühlingsluxus aus den Eiern gefundener Gelege von Wildvögeln. Ohne Katzen muss es auch wesentlich mehr Singvögel gegeben haben (wissen wir doch, dass die Überpopulation an frei laufenden Katzen heute zu einem großen Teil für den Rückgang der Singvögel mitverantwortlich ist) - wie klang ein Morgen vor 2000 Jahren?

Ach, wie ich wünschte, es gäbe eine Zeitmaschine! In die Epochen, über die ich schreibe, tatsächlich reisen können! Sehen, was meine Figuren sehen, hören, was sie hören, riechen - na, das vielleicht weniger... eine im Sommer in der Nähe unseres Hauses verwesende Katze hat mir sehr deutlich gezeigt, dass gewisse Epochen (die Pest, jedes Schlachtfeld, die Flüchtlingszüge nach den Kriegen...) olfaktorisch wohl als Besucher hart am Erträglichen wären. Auch wenn die Nase abstumpft, zum Glück ...

Ich bin versucht, den Morgen auf der Terrasse mit Blick über meine Wiesen und den Wald zu verbringen und weiter zu sinnieren, wie die Landschaft rund um meine Hauptfigur aussah, aber noch steckt er in Voccios Burg fest, und über die befestigten Bereiche wissen wir aus Grabungen etc ja genug, sodass ich die Zeit alleine daheim wohl besser nütze, mein heutiges Pensum zu tippen. Sinnieren kann ich nachmittags, wenn das Haus wieder mit den Schulheimkehrern seine Ruhe verliert, immer noch ...

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